Vorgeschichte:
Hannelore (geänderter Name) wuchs mit sechs Geschwistern in einer Familie auf dem Land auf. Sie lernte Bürokauffrau, heiratete und zog mit ihrem Mann in eine Großstadt, wo sie in einer großen Firma als Abteilungsleiterin in der Buchhaltung tätig war. Sie und ihr Ehemann wurden alkoholabhängig, beide konnten noch jahrelang trotzdem ihre Berufe ausüben und die Alkoholerkrankung vor Familie und Arbeitskollegen verbergen. Schließlich kam es unter Alkoholeinfluss immer häufiger zu tätlichen Auseinandersetzungen in der Ehe.
Von Nachbarn wurde die Feuerwehr alarmiert, nachdem sie Ohrenzeugen eines heftigen Streites geworden waren. Hannelore wurde in ihrer Wohnung am Boden liegend aufgefunden, apathisch, unterernährt, verwirrt und mit mehreren Blutergüssen am ganzen Körper. Sie kam auf die Intensivstation einer Klinik.
Aus dem Bericht der Klinik:
"Die Patientin war zeitlich und örtlich desorientiert. Es besteht ein ausgeprägtes Korsakow- Syndrom mit erheblichen Störungen der Merkfähigkeit und der Gedächtnisleistungen. Suggestiv füllt sie Erinnerungslücken mit Konfabulationen. Im Rahmen ihrer Desorientiertheit kam es auch zu aggressiven Zuständen von Erregtheit, psychomotorischer Unruhe und aggressiven Ausbrüchen, die sicherlich auch in dem Missverstehen von Situationen zu sehen waren. So war sie beispielsweise eine Zeitlang der Überzeugung, zusammen mit einer anderen Korsakow-Patientin auf einem Kreuzfahrtschiff zu sein, und behandelte das Pflegepersonal herablassend und aggressiv wie eine Bedienung. Nach drei Monaten im Krankenhaus meint sie, wegen eines Lungenleidens erst seit drei Wochen im Krankenhaus zu sein, bis dahin in einer Strumpffabrik gearbeitet zu haben, wo sie ihre Arbeit auch nach der Entlassung wieder aufnehmen wolle."
Hannelore lebte nach ihrem Krankenhausaufenthalt knapp zwei Jahre in einem Krankenheim, bis sie in den Hof Freiberg verlegt wurde.
Im Hof Freiberg
Am Aufnahmetag kam Hannelore in strahlender Laune an den Tisch, begrüßte alle Bewohner und Mitarbeiter wie alte Bekannte und bewunderte Haus, Garten und Landschaft. Am nächsten Tag war sie extrem schlecht gestimmt, aggressiv, machte giftige Bemerkungen zu allem, was Mitbewohner sagten und taten und packte im Zimmer ihre Reisetasche, da ihr Mann mit ihr endlich nach Amerika fahren wolle. Diese extremen Stimmungsschwankungen, oft innerhalb von Stunden, hielten fast ein Jahr lang an.
Hannelore hat ein sehr schlechtes Gedächtnis, sie kann sich Sachen nur wenige Minuten merken und vergisst auch, dass sie etwas vergessen hat. Sie meint noch immer, hier im Urlaub zu sein wegen ihrer Lunge, und beschwert sich gelegentlich darüber, dass die Hotelgäste so viel mithelfen müssen. Hannelore hatte lange Probleme damit, sich hier im Haus zu orientieren, fand beispielsweise ihr Zimmer und das Wohnzimmer nicht wieder.
Nach etwa drei Jahren hatten sich ihre Stimmungsschwankungen geändert und gebessert, waren nicht mehr so extrem. Sie ist nun meistens gut gelaunt und unterhält sich gern mit den anderen Bewohnern. Sie hat angefangen zu stricken und ist hilfsbereit, nimmt auch gern an den Werkgruppen und gemeinsamen Freizeitangeboten teil. Hannelore hat im Haus kleinere Aufgaben übernommen, wie Geschirr spülen und Bügeln, die sie gern verrichtet - so lange sie gut gelaunt ist, bei schlechter Laune geht schon mal Geschirr zu Bruch.
Durch das Zusammenleben in der relativ stabilen Gruppe und die feste Tages- und Wochenstruktur konnte Hannelore Sicherheit gewinnen und fühlt sich - trotz der oben beschriebenen Schwierigkeiten - im Hof Freiberg zuhause. Sie hat Beziehungen aufgebaut zu anderen Bewohnern und ist im Haus und in der näheren Umgebung orientiert, so dass sie sich ohne Angst bewegen kann.
Hannelore berichtet fast täglich von Telefongesprächen, die sie mit ihrem Ehemann angeblich führt, und von Plänen, die sie beide haben. Sie will auch bald wieder arbeiten gehen, da die Firma schon nachgefragt habe. Tatsächlich war der Ehemann vor einigen Jahren wegen seiner Alkoholerkrankung in eine psychiatrische Einrichtung gekommen und die gemeinsame Wohnung aufgelöst worden. Wir hatten Hannelore dies behutsam mitgeteilt, worauf sie zunächst sehr weinte, dann in ihr Zimmer ging - und nach zehn Minuten lächelnd herauskam und alles vergessen hatte. Wir erfuhren von der Betreuerin, dass der Ehemann tot in seiner Wohnung aufgefunden worden war. Er war nach seiner Therapie entlassen worden, rückfällig geworden, und hatte mehrere Wochen tot im Badezimmer gelegen, bis die Polizei ihn fand. Wir haben, nach reiflicher Überlegung und Besprechungen im Team, Hannelore davon nichts erzählt.
Wie alle unsere Bewohner, braucht Hannelore auch Anleitung und Betreuung bei Bekleidungswechsel und Körperpflege, die sie inzwischen meistens gern akzeptiert. Sie würde es sonst vergessen, oder im Sommer im Rollkragenpullover und im Winter im dünnen Kleid erscheinen, da sie kein Gefühl mehr hat für Wärme und Kälte. Sie benötigt auch Anleitung und Betreuung bei allen täglichen Verrichtungen, vom Wecken morgens angefangen, weil sie durch die krankheitsbedingte Antriebsschwäche sonst den ganzen Tag im Bett liegen oder auf dem Sofa sitzen und in schlechte Stimmung versinken würde.
Hannelore (geänderter Name) wuchs mit sechs Geschwistern in einer Familie auf dem Land auf. Sie lernte Bürokauffrau, heiratete und zog mit ihrem Mann in eine Großstadt, wo sie in einer großen Firma als Abteilungsleiterin in der Buchhaltung tätig war. Sie und ihr Ehemann wurden alkoholabhängig.
Weiter...
Michael (geänderter Name) kommt aus einer Familie mit drei Kindern. Der Vater verstarb durch Alkohol, als er drei Jahre alt war. Die Mutter nahm Drogen und trank Alkohol, es wohnten immer Bekannte mit in der Wohnung, die ebenfalls Drogen nahmen. Die Kinder wurden bei den Parties, weil sie störten, mit Ohrfeigen ins Kinderzimmer geschickt.
Weiter...
Sebastian (geänderter Name) wurde als uneheliches Kind geboren und früh von einer angesehenen Beamtenfamilie adoptiert. Wie es in dieser Familie üblich war, sollte er das Abitur machen und Jura studieren. Der Adoptivvater war sehr streng. Sebastian hatte ständig Angst, zu versagen, und bekam schon als Schulkind Medikamente gegen Angst und Schlaflosigkeit. Während der Pubertät begann er zusätzlich Alkohol zu trinken.
Weiter...