Bis vor einigen Jahren galten Korsakow-Patienten als "nicht mehr therapierbar und nur noch dauernd zu verwahren". Ihren Lebensabend verbrachten sie auf Chroniker-Abteilungen in psychiatrischen Krankenhäusern - "satt, sauber und trocken". Im Hof Freiberg machen wir seit zehn Jahren die Erfahrung, dass doch noch Entwicklungen stattfinden, durch individuelle Betreuung und Förderung in kleinen überschaubaren Gruppen.
Das Korsakow-Syndrom gehört zu den sogenannten hirnorganischen Psychosyndromen. Das heißt, bestimmte Zellen oder Gebiete im Gehirn des Menschen sind zerstört worden. Das kann durch schwere Kopfverletzungen geschehen, durch bestimmte Infektionskrankheiten und durch Vergiftungen, beispielsweise mit Drogen, Alkohol und Medikamenten. Die Symptome sind danach die gleichen, unabhängig davon, was die Zerstörung ausgelöst hat.
Als Menschen brauchen wir ein gesundes, funktionsfähiges Gehirn als Grundlage für unser seelisches Befinden und unsere geistigen Fähigkeiten. Störungen oder Zerstörungen im Gehirn haben also Folgen für den ganzen Menschen. Eine schwer verständliche Besonderheit bei diesen Erkrankungen ist, dass sich die Betroffenen selbst ihrer Erkrankung nicht bewusst sind. Wenn man das Gehirn als Grundlage des Bewusstseins annimmt, kann man sagen, dass ein Stück der Selbst-Erkenntnis, des Selbst-Bewusstseins mit untergegangen und nicht mehr im Bewusstsein ist. Dr. Oliver Sacks beschreibt einen seiner Patienten, der durch einen Hirntumor blind geworden war. Dieser war sich dessen nicht bewusst und sozusagen blind gegenüber seiner Blindheit. Er hatte, zusammen mit dem Verlust seiner Sehnerven, auch vergessen, was Sehen bedeutet. Man kann sich das schwer vorstellen.
Auffällig ist, dass meist die Fassade recht gut aufrecht erhalten werden kann. Die Menschen machen zunächst nicht den Eindruck, dass sie anders oder "verrückt" sind. Sie unterhalten sich normal, bis man feststellt, dass sie zum Beispiel innerhalb von 15 Minuten schon fünf- oder zehnmal das Gleiche erzählt oder gefragt haben, dass sie zum Beispiel auf die Frage nach dem Wochentag oder Datum unsicher werden oder ablenken.
Weitere Symptome bei hirnorganischen Psychosyndromen sind Bewusstseinsstörungen, Orientierungsstörungen, Gedächtnisstörungen, Ich-Erlebnisstörungen, Konfabulationen, Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Das alles kann mehr oder geringer ausgeprägt sein. Praktisch heißt das: Die Menschen vergessen nach Sekunden oder Minuten, was beispielsweise besprochen wurde, was es zum Essen gab, wo ihr Zimmer ist. Sie wissen nicht, wie lange sie schon an einem Ort sind und wie sie dorthin gekommen sind. Sie sind überzeugt davon, innerhalb kurzer Zeit wieder bei ihrer Familie und an ihrem Arbeitsplatz sein und selbständig leben zu können. Den meisten sind ihre Gedächtnislücken nicht bewusst. Lücken werden mit Konfabulationen - erfundenen, aber nicht immer völlig unglaubwürdigen Geschichten - gefüllt. Viele missverstehen auch Situationen oder Äußerungen anderer Menschen, beziehen Worte auf sich und denken, man rede über sie.
Es besteht fast immer eine Antriebsschwäche und eine depressive Grundstimmung, oft auch Unsicherheit, Angst (besonders vor allem Neuen) und Unzufriedenheit, die auf die aktuelle Situation geschoben wird. Nach dem Motto "wenn ich erst wieder in meiner Wohnung bin ...", "wenn ich erst wieder bei meiner Familie bin ...". Wobei die Vorstellungen über Wohnung, Familie, Arbeitsplatz und ähnliches zumeist nicht realitätsbezogen sind. Häufig beinhalten sie eine heile Welt oder die Situation, die vor zehn oder zwanzig Jahren bestand. Möglich ist auch, dass sie stundenlang untätig und traurig auf einem Platz sitzen und vor sich hin starren, wenn sie nicht angesprochen oder zu einer Beschäftigung angeregt werden.
Manchmal haben sie starke Stimmungsschwankungen, die nicht von äußeren Ereignissen hervorgerufen wurden, oder sind in einer Stimmung, die nicht zu den äußeren Ereignissen zu passen scheint. Auffällig und zum Krankheitsbild gehörend ist auch die Neigung zu Suggestibilität - das passive sich "anstecken" lassen von Stimmungen und Aussagen der Umgebung oder von Erwartungen. Ein Beispiel: Wenn wir besorgt fragen: "Geht es Ihnen auch wirklich gut?", kommt mit Sicherheit die Antwort: "nein, überhaupt nicht." Sagen wir: "Ist das nicht ein schöner Tag heute?", wird freudig mit "ja" geantwortet. Als Betreuer sind wir also sehr auf Wahrnehmungen und Beobachtungen angewiesen, um zu erfahren, wie es einem Bewohner geht, weniger auf dessen Aussagen.
Hannelore (geänderter Name) wuchs mit sechs Geschwistern in einer Familie auf dem Land auf. Sie lernte Bürokauffrau, heiratete und zog mit ihrem Mann in eine Großstadt, wo sie in einer großen Firma als Abteilungsleiterin in der Buchhaltung tätig war. Sie und ihr Ehemann wurden alkoholabhängig.
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Michael (geänderter Name) kommt aus einer Familie mit drei Kindern. Der Vater verstarb durch Alkohol, als er drei Jahre alt war. Die Mutter nahm Drogen und trank Alkohol, es wohnten immer Bekannte mit in der Wohnung, die ebenfalls Drogen nahmen. Die Kinder wurden bei den Parties, weil sie störten, mit Ohrfeigen ins Kinderzimmer geschickt.
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Sebastian (geänderter Name) wurde als uneheliches Kind geboren und früh von einer angesehenen Beamtenfamilie adoptiert. Wie es in dieser Familie üblich war, sollte er das Abitur machen und Jura studieren. Der Adoptivvater war sehr streng. Sebastian hatte ständig Angst, zu versagen, und bekam schon als Schulkind Medikamente gegen Angst und Schlaflosigkeit. Während der Pubertät begann er zusätzlich Alkohol zu trinken.
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