Sebastian, Mitte 60

Vorgeschichte:

Sebastian (geänderter Name) wurde als uneheliches Kind geboren und früh von einer angesehenen Beamtenfamilie adoptiert. Wie es in dieser Familie üblich war, sollte er das Abitur machen und Jura studieren. Der Adoptivvater war sehr streng. Sebastian hatte ständig Angst, zu versagen, und bekam schon als Schulkind Medikamente gegen Angst und Schlaflosigkeit. Während der Pubertät begann er zusätzlich Alkohol zu trinken. Nach dem Abitur studierte er Jura und machte sich als Jurist in einer eigenen Kanzlei selbständig. Er arbeitete viele Jahre, wobei er ständig Alkohol und Medikamente zu sich nahm, um zu "funktionieren".

Er wurde von der Polizei in einer anderen Stadt nachts aufgegriffen - verletzt, völlig orientierungslos, hilflos und ohne Gedächtnis - und kam in eine psychiatrische Klinik.


Aus dem Bericht der Klinik:

"Der Patient war zur Person, zeitlich und örtlich völlig desorientiert. Ausgeprägte Störungen der Wahrnehmung und des Gedächtnisses. Konfabulationsneigung. Gut erhaltene Fassade; keine Krankheitseinsicht. Kritik- und Urteilsfähigkeit aufgehoben. Die Ereignisse der letzten Jahre waren ihm nicht mehr erinnerlich, er meinte, er sei jünger als fünfzig Jahre und Student. Auf der Station irrte er lange Zeit hilflos herum und konnte sich nicht die wesentlichen Räume einprägen. Beim Zusammenleben im Stationsalltag fiel in seiner Persönlichkeit insbesondere seine enorme Unterwürfigkeit, seine Angst, etwas verkehrt zu machen und seine Neigung, sich ständig zu entschuldigen auf. Gesprächsinhalte vergaß er innerhalb kürzester Zeit."


Nach acht Monaten in der psychiatrischen Klinik, in der sich sein körperlicher Gesundheitszustand stabilisiert hatte, die anderen Symptome jedoch unverändert waren, wurde Sebastian in den Hof Freiberg verlegt.


Im Hof Freiberg:

Während der ersten Monate war Sebastian sehr desorientiert, hatte viel Angst - besonders morgens beim Aufwachen - und fragte uns alle paar Minuten aufgeregt, ob er denn hierbleiben dürfe oder "gleich abgeholt und weggebracht" werde. Er neigte dazu, sich auch tagsüber auf sein Bett zu legen und dort regungslos, mit gefalteten Händen, liegen zu bleiben. Oder er saß auf der Bank im Garten, starrte vor sich hin und wurde immer trauriger. Sebastian wirkte sehr bemüht, einen positiven Eindruck zu machen und erzählte auch immer wieder, er müsse bald nach Hause, sein Semester habe sicher schon angefangen. Zwischendurch ordnete er immer wieder sehr akkurat seine Sachen im Kleiderschrank und auf dem Nachttisch und fragte uns ängstlich, ob alles so richtig sei.

Wir versuchten, Sebastian zu einem festen Tagesrhythmus aus Beschäftigung, Freizeitgestaltung und Ruhezeiten zu bringen und hinderten ihn daran, tagsüber zu schlafen, was seine traurige Verstimmtheit und Desorientiertheit etwas besserte. Er begann, auf dem Grundstück die Tiere zu beobachten und eine Beziehung zu ihnen zu entwickeln, so dass wir ihn mit in den Stalldienst nahmen, wo er beim Füttern der Schafe, Esel und Hühner gerne half und in dieser Zeit auch keine Ängste hatte.

Nach Monaten war Sebastian auch im Haus orientiert, kannte alle Bewohner und Mitarbeiter, fand ohne Hilfe sein Zimmer und das Wohnzimmer und begann, sich sicherer zu fühlen. Er hatte auch nur noch selten Angst, weggebracht zu werden. Sebastian wagte nun auch, in Begleitung den Hof und das Grundstück zu verlassen und an Spaziergängen und Ausflügen teilzunehmen, die ihm viel Freude machten.

Sebastian hatte ständig Angst, nichts zu Essen zu bekommen und zu verhungern - er vergaß auch kurz nach den Mahlzeiten, dass es Essen gegeben hatte. So behauptete er mehrmals täglich, er bekomme hier gar nichts zu Essen und stahl Lebensmittel aus der Küche oder von anderen Bewohnern und bettelte auch um Essen bei Besuchern und Passanten auf der Straße, wenn wir unterwegs waren. Bei den Mahlzeiten versuchte er, möglichst alles auf seinen Teller zu häufen und aß Unmengen, ohne satt zu werden. Er meinte auch, bei Fehlern bestraft und geschlagen zu werden, und nannte bei fast allen Verrichtungen andere Personen, die ihm diese Handlung gestattet oder verboten hätten.

Sebastian weiß nicht, wie lange er schon bei uns ist. Nach etwa einem Jahr in unserer Einrichtung war er der Meinung, er sei auf einer Reise in die DDR von der Stasi in einen Hinterhalt gelockt und anschließend hierhin verschleppt worden. Es sei ihm verboten worden, seine Familie zu benachrichtigen und er müsse sehr vorsichtig sein. Diese Konfabulationen tauschte er mit den anderen Korsakow-Patienten aus, die ihn natürlich bestätigten.

Körperpflege und Wäschewechsel interessierten Sebastian überhaupt nicht und er versuchte mit allen Tricks, sie zu verhindern. Er wollte am liebsten Tag und Nacht seine gleiche Kleidung anbehalten und gab als Grund an, dass ihm sehr kalt sei.

Inzwischen hat sich Sebastian sehr gut in der Hofgemeinschaft eingelebt, ist kaum noch ängstlich, isst normal und beteiligt sich mit Interesse und großer Ernsthaftigkeit an allen Betreuungsangeboten. Er hilft noch immer im Stall und bei der Fütterung der Tiere, was er inzwischen als seine Aufgabe betrachtet und fast selbständig erledigt, worauf er sehr stolz ist. Mit den anderen Bewohnern kommt er gut aus, unterhält sich mit allen und lacht auch oft. Sebastian braucht weiterhin Hilfe und Anleitung, auch Erinnerung an die täglichen Verrichtungen. Er braucht Rituale, die ihm Sicherheit geben und den festen Tagesrhythmus und die zuverlässige Umwelt und Bezugspersonen. Er ist in seiner Stimmung ausgeglichener geworden, aber noch immer beeinflussbar und suggestibel, auch die Gedächtnisstörungen und Neigung zu Konfabulationen sind unverändert. Sie zwingen ihn aber nicht mehr nieder, weil er in der Realität des Hoflebens einen Halt gefunden hat.

Hannelore, 60

Hannelore (geänderter Name) wuchs mit sechs Geschwistern in einer Familie auf dem Land auf. Sie lernte Bürokauffrau, heiratete und zog mit ihrem Mann in eine Großstadt, wo sie in einer großen Firma als Abteilungsleiterin in der Buchhaltung tätig war. Sie und ihr Ehemann wurden alkoholabhängig.
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Michael, 30

Michael (geänderter Name) kommt aus einer Familie mit drei Kindern. Der Vater verstarb durch Alkohol, als er drei Jahre alt war. Die Mutter nahm Drogen und trank Alkohol, es wohnten immer Bekannte mit in der Wohnung, die ebenfalls Drogen nahmen. Die Kinder wurden bei den Parties, weil sie störten, mit Ohrfeigen ins Kinderzimmer geschickt.
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Sebastian, 60

Sebastian (geänderter Name) wurde als uneheliches Kind geboren und früh von einer angesehenen Beamtenfamilie adoptiert. Wie es in dieser Familie üblich war, sollte er das Abitur machen und Jura studieren. Der Adoptivvater war sehr streng. Sebastian hatte ständig Angst, zu versagen, und bekam schon als Schulkind Medikamente gegen Angst und Schlaflosigkeit. Während der Pubertät begann er zusätzlich Alkohol zu trinken.
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